Weise Ware


Bedenkt, was alles nötig war!
C. Morgenstern










Hälfte des Lesens



Mit rauchender Birne sink ich

und vom Liebesdrama 

entflammt tief hinein 

in den epischen Stoff.

Ihr holden Schönen,

und trunken von eurer Sehnsucht 

schlägt mein Herz in jeder Gefahr.


Weh mir, wo nehm’ ich, wenn

die letzte Seite umgeschlagen,

den Inhalt und wo den Sinn 

meines eigenen Lebens?

Die Liebenden kriegen sich 

bald. Man kann das Ende 

schon ahnen.







Blaue Plastikhortensie


Wie ein Buch ohne sieben Siegel
steht die Deko leblos, stumm, verwaist.
Bunte Blätter, Blüten, doch der Geist –
er findet darin keinen Spiegel. 

Wer hatte die Idee? Wer war da so blau?
Oder Fotos von Holz zu laminieren 
und damit Böden zu verzieren.
Wie gerne paaren sich doch dumm und schlau!

Unbekannt ist allen echten Lebens Kürze,
dem Kunststoff Polyethylen.
Die blaue Blume scheint der Ewigkeiten Würze...

Doch plötzlich seh ich in der anonymen Masse
den lieben Menschenbruder stehn,
der reißt das Teil in kleine Stücke: – Klasse!!






Überall ist Strom zur Hand
Eine pessimistische Paraphrase
 

Überall ist Internet.
Überall ist Werben.
Oben hoch im Weltenraum
wie unten hier auf Erden.

Über uns ist Satellit

und man funkt per SMS.
Alles wird gespeichert,
wenn ich auch vergess.
 
Unter uns ist Überwachung,
doch die meisten finden’s gut.
Alle wollen allen sagen,
wer man ist und was man tut.
 
Überall ist nirgendwo.
Orte gehn verloren.
Doch man fühlt sich virtuell
fast wie neu geboren.
 

Zwischen uns ist Glasbaustein

und wir graben nach dem Wunder ...
Tiefer sinkt das ganze Sein.

Höher stapelt sich der Plunder.






Was es isst  oder:
Im Reitstall wird ein Fohlen geboren



Es isst Heu, sagt Marie-Chantal.
Es isst Gras, sagt Ann-Katrin.
Es isst, was es isst, sagt die Liese.

Es isst frische Radieschen, sagt Jana.
Es isst junge Möhren, sagt Hannah.
Es isst, was es isst, sagt die Liese.

Es isst Äpfel, sagt Mara Stefanie.
Es isst Birnen, sagt Laura Josephin.
Es isst, was es isst, sagt leise die Liese.






Wo es ist  oder:
Das verschwundene Portemonnaie



Es ist im Mantel, sagt die Mutter.
Es ist in der Jacke, sagt die Tochter.
Es ist, wo es ist, sagen die Diebe.

Es taucht wieder auf, sagt die Hoffnung.
Es ist verloren, sagt die Erfahrung.
Es ist, wo es ist, sagen die Diebe.

Es muss hier irgendwo sein, sagt der Verstand.
Es ist schon weit weg, sagt das Gefühl.
Es ist, wo es ist, sagen die Diebe.

Es ist in der Wäsche, sagt die Verzweiflung.
Es war voll, sagt der Schmerz.
Es ist geklaut, sagen die Diebe.






Poet zu spät



1.        War ein Poet,
kam ein Weniges zu spät.
Publikum mit Warten rang,
darauf dann nach haus gegang.

Poet noch stundenlang
wartete auf Gastandrang.


2.        War ein Poet,
kam ein Weniges zu spät.
Publikum schon weg gewesen,
Dichter sitzt allein am Tresen.

Vertreibt sich seine Zeit mit
Trinken ...








Gebet eines jungen Schriftstellers
aus der Nähe von Dortmund


Herr, wenn ein Buch in mir ist,
bitte lass es keinen Ruhrgebiets-Krimi sein.

Herr, wenn eine Romanfigur in mir ist,
bitte lass es keinen gescheiterten Weltverbesserer
ohne Manieren aber mit Polizeidienstmarke aus Herne sein.

Bewahre mich davor, Bürokratismus und Schildbürgertum in der Gestalt
engstirniger Oberkommissare oder Erbsen zählender Spurensicherer
aus Dortmund Essen oder Bochum ironisch auszustellen.

Und führe mich nicht in Versuchung
dem Sinn des Lebens auf Schrottplätzen in
Wanne, Castrop oder Witten nachzuspüren.

         Denn
         in Dir
         allein
ist die Kraft und die Herrlichkeit in
E
W
I
G
K
E
I
T

      KAMEN!




Gehen, stehen, sehen


Es fällt das Laub. Es haart das Fell.
Es dünnt das Haar auch viel zu schnell.

Das ist der Zahn der Zeit,
der stets an jedem Fleische nagt.
Das ist der Odem der Vergänglichkeit
und wie er Guten Abend sagt,
zu jedem Ding auf seine Weise.

Alles was die Welt empfing
muss wieder auf die Reise.

Siehst du den Schnitter dort am Baume stehen?
Halb nur ist er zu erkennen.
Und ist doch da – aus Fleisch und Blut.
Wer schon will ihn wirklich sehen?
Meistens fehlt uns jener Mut,
wenn wir durchs Leben eilig rennen
weil wir nicht langsam gehen.




Im Netz


Seltsam, im Netz zu mäandern!
So fern sind Schein und Sein.
Kein User sieht den andern.
Jeder irrlichtert allein.

Voll von Freunden war mir die Welt
als noch mein Leben echt war;
nun, in der virtuellen -
ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
der nur den Bildschirm kennt;
der unentrinnbar und leise
von allem ihn trennt.

Seltsam, im Netz zu mäandern!
Surfen heißt einsam sein.
Kein Mensch kennt den andern.
Jeder ist online!